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Erinnerung ist fluide

Das Wissen über die Verbrechen der Nationalsozialisten verschwimmt immer mehr. Dies öffnet der Geschichtsklitterung und Akzeptanz von geschichtsrevisionistischen Tendenzen Tür und Tor, wie die MEMO-Studien zeigen. Andrea Despot plädiert für eine intensive Auseinandersetzung mit unserer Erinnerungskultur

Frau Dr. Despot, warum ist es wichtig, dass wir uns nicht nur mit unserer jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen, sondern auch mit der Art und Weise, wie wir sie erinnern?

Die aktuelle MEMO-Studie zeigt, dass unsere Erinnerungskultur nur selektiv Geschichten erzählt und vieles unterrepräsentiert ist. Vor allem junge Menschen sind sich dessen bewusst und fordern zunehmend, auch die Vielfalt unserer Gesellschaft abzubilden. So haben wir in den einzelnen Ländern Europas ganz unterschiedliche Erinnerungspunkte und Betrachtungsweisen, auch Täter-Opfer-Konstellationen. Viele Staaten Ost-, Mittelost-, Südosteuropas sind zudem geprägt von sozialistischen Erfahrungen und den Erinnerungen an Diktaturen unter Kommunismus wie auch Nationalsozialismus. Die Menschen in diesen Regionen haben andere Erinnerungsereignisse, die ihr kollektives Gedächtnis markieren. Die Formen der Erinnerung variieren wahrscheinlich nicht so sehr wie die Wege der Auseinandersetzung und ihre Bezugspunkte – also das, was erinnert oder verdrängt wird.

Erläutern Sie das bitte an einem Beispiel.

Nehmen wir die Erinnerung der Deutschen an den Zweiten Weltkrieg: Sie ist vorrangig von Ereignissen und Orten in Westeuropa geprägt. Die osteuropäische Dimension der Verbrechen der Nationalsozialisten ist demnach kaum bekannt und damit auch nicht die massive Gewalt während der deutschen Besatzung im Osten. Diejenigen, die an Erinnerungsorten außerhalb der Landesgrenzen waren, beziehen sich am häufigsten auf Frankreich und dort auf die Kriegsschauplätze in der Normandie. Die Befragten sehen zwar grundsätzlich eine „besondere moralische Verantwortung“ Deutschlands gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus, positionieren sich jedoch nicht eindeutig zu der Frage, ob sich die systematische Ausgrenzung und Diskriminierung bestimmter Gruppen in Deutschland über die NS-Zeit hinaus fortgesetzt hat. Aber je intensiver sich Befragte mit der deutschen NS-Vergangenheit befasst haben, desto sensibler sind sie für historische Kontinuitäten, wie etwa die fortdauernde Diskriminierung von Minderheiten bis in die Gegenwart hinein. Ein Beispiel dafür sind die bis heute vielfach angefeindeten und ausgegrenzten Romnja und Sintize.

Es heißt immer, die Vergangenheit und die Gegenwart bestimmten die Zukunft. Inwieweit hat das etwa mit unserer Erinnerungskultur zu tun?

Wenn man seine Vergangenheit nicht kennt, wie soll man sich dann in der Gegenwart orientieren? Und wenn man in der Gegenwart nicht in der Lage ist, Urteilskraft auszubilden, Muster zu erkennen und Kontinuitätslinien zu sehen, wie will man dann eine gute Zukunft gestalten? Diskriminierungserfahrungen, Verfolgungsschicksale, Nachwirkungen von nationalsozialistischem Unrecht wirken fort in unseren Familien, in unserem kollektiven Gedächtnis, in unseren kulturellen Bezügen. Diese Gefühlserbschaften sind subjektiv und objektiv eng miteinander verbunden.

Die aktuelle MEMO-Studie hat signifikante Veränderungen in der Erinnerungskultur festgestellt. Woran machen Sie das fest?

Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen rücken zeitlich immer weiter weg. Die Zeitzeugen gehen von uns und wir müssen andere Formen der Auseinandersetzung und des lebendigen Erinnerns aktivieren. Auch sind wir als Gesellschaft diverser und pluraler geworden. Mit uns und unter uns leben Menschen, die Migrationsbiografien und andere Bezugspunkte des Erinnerns haben. Diese unterschiedlichen Perspektiven müssen in unsere Erinnerungsarbeit miteinbezogen werden. Faktenbasiert und multiperspektivisch kann Erinnerungsarbeit einen wichtigen Beitrag für eine starke Demokratie und mehr Toleranz leisten, die Urteilskraft stärken und Orientierung geben. Damit werden wir als Gesellschaft auch widerstandsfähiger gegenüber Geschichtsrevisionismus, Geschichtsklitterung, Verzerrung und Relativierung von Holocaust und Völkermord. Geschichte wird gerne, auch zu Propagandazwecken, als Waffe missbraucht.

Die Studie zeigt auch: Junge Menschen haben ein hohes Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus, jedoch ohne Abgrenzung zu revisionistischem Gedankengut. Wie erklären Sie sich das?

Die jungen Menschen haben diese Zeit nicht selbst erlebt und kennen auch niemanden, der damals gelebt hat. ­Zudem nimmt Faktenwissen über nationalsozialistisches Unrecht, über Verfolgung und Diskriminierung ab. Gleichzeitig steigt das Interesse an solchen Themen. Jedoch ermöglichen Unkenntnis und fehlendes Faktenwissen auch Einfallstore für geschichtsrevisionistische Behauptungen und Verzerrungen. Manche Parteien nutzen das schamlos für ihre politischen Zwecke aus. Ein probates Gegenmittel: Aktivierendes und exploratives Lernen sowie eigene Familienbezüge können die heutige junge Generation dazu motivieren, mehr über diese dunkle Vergangenheit zu lernen. Deshalb engagieren wir uns als Stiftung hier sehr stark, bringen junge Menschen an authentische, historische Orte der Verfolgung und Vernichtung und vermitteln Faktenwissen, zunehmend auch über digitale Zugänge.

Also sind Jugendliche, die emotional angesprochen werden, besser erreichbar. Wie funktioniert das?

70 Prozent der Befragten haben sich über Filme mit der Geschichte des Holocaust auseinandergesetzt. Hinzu kommen digitale Wege und Formen. Wir unterstützen besonders Ansätze eines Empathie befördernden Lernens. Das können Theater- oder Musikprojekte sein oder Projekte mit direkten lokalen Bezügen im eigenen Kiez. Wir fördern das emotionale menschenrechtliche Verständnis über Unrecht, Verfolgung und Vernichtung. Da schließt sich der Kreis auch zu Europa, das auf den Trümmern dieser katastrophalen moralischen absoluten Bankrotterklärung aufbaut und wir fragen uns heute: Was sind die Grundpfeiler einer europäischen ­Erinnerungskultur?

Entsteht dadurch eine neue, gemeinsame Erinnerungskultur?

Ja. Erinnerung ist fluide, subjektiv und wandelt sich. Wir können mit unterschiedlichen Erfahrungen ein multiperspektivisches Bild herstellen. Dazu gehören auch die in Vergessenheit geratenen Perspektiven, Erfahrungen von Verfolgtengruppen und Minderheiten – darunter die Sintize und Romnja, die auch nach 1945 weiterhin massiv diskriminiert werden. Es ist fast paradox: Obwohl der Nationalsozialismus heute mehr denn je in breiten Teilen der Gesellschaft als Thema präsent ist, wissen nur die wenigsten Menschen Bescheid über Zwangsarbeit, Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung verschiedenster Opfergruppen und die Wege der Ideologisierung der Gesellschaft. Zudem gibt es eine große Diskrepanz zwischen historischen Fakten und wahrgenommenem Wissen.

Warum widerspricht die wahrgenommene Erinnerung an den Nationalsozialismus oft den tatsächlichen Fakten?

Die Täterbiografien in der Familie werden falsch eingeschätzt. Unverhältnismäßig häufig geben Befragte an, sie hätten Opfern geholfen, diese unterstützt oder seien selber Opfer nationalsozialistischer Verfolgung gewesen. Unverhältnismäßig viele geben auch an, in ihren Familien hätte es keine Täter gegeben. Es scheint schwierig zu sein, mit Fragen der Schuld in ihren unterschiedlichen Schattierungen umzugehen. Das geht von einem Sich-nicht-Befassen oder verzerrtem Befassen bis hin zur kompletten Verdrängung. Familienerinnerungen sind meist tradierte Erzählungen. Wir fragen uns: Wie können diese Narrative heute aufgebrochen werden? Wie können wir junge Menschen dazu anregen, sich mit ihren Familienbiografien kritisch auseinanderzusetzen und eine Sensibilität zu entwickeln, um Intoleranz und Diskriminierung zu erkennen und dagegen anzugehen?

Wie könnten junge Menschen denn auch weiterhin dazu motiviert werden, sich mit den schrecklichen Geschehnissen der Vergangenheit auseinanderzusetzen und daraus zu lernen?

Es ist wichtig, dass es Andockpunkte gibt zur Lebenswirklichkeit junger Menschen. Gibt es eigene oder familiäre Flucht- oder Diskriminierungserfahrungen? Dann sollte ein kreativer und niedrigschwelliger Lernweg geöffnet werden. Gute Erfahrungen haben wir zum Beispiel gemacht mit Theaterprojekten oder Jugendbegegnungen an historischen Orten, wo Unrecht, Vernichtung und Verfolgung stattfanden. Das wirkt auf die Gefühlswelt, ebenso wie intergenerationelle Dialoge zwischen Holocaust-Shoa-Überlebenden oder Überlebenden des Genozids an den Sintize und Romnja. Auch das forschende Lernen über Familienbiografien, Migrationsbiografien, Stolpersteine und Menschenschicksale funktioniert besonders gut, weil über das Forschen eher eine Identifikation mit den Einzelschicksalen und den Menschen stattfindet und ihnen dadurch ein Gesicht gegeben wird. Zudem hat die MEMO-Studie gezeigt, dass bestimmte Themen, wie zum Beispiel das Ausmaß der Zwangsarbeit im Nazi-Deutschland, noch nicht in der Gesellschaft angekommen sind. Wir möchten diese Themen und Gruppen sichtbar machen. Auch deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit den Strukturen, die Ausgrenzungen ermöglichen. Und wir versuchen, staatliche Akteure und Zielgruppen – darunter die öffentliche Verwaltung, Polizei und Justiz – für diese Themen zu sensibilisieren und damit zu verhindern, dass sich Diskriminierung immer weiter fortsetzt.

Was möchten Sie mit Ihrem Engagement für die Erinnerungskultur erreichen?

Dass wir mehr Räume aufmachen können, alle Stimmen gehört werden und sich Gehör verschaffen können. Dass wir in einen offenen und ehrlichen Austausch miteinander gehen können, mit unseren Erinnerungen als einem sehr kostbaren Gut. Gerade in einer komplizierten und komplexen Welt wie heute ist und wird das zunehmend bedeutender. //

Dr. Andrea Despot

gehört seit Juni 2020 dem Vorstand der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)an. Zuvor war die Expertin für osteuropäische Geschichte Direktorin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied an der Europäischen Akademie Berlin.

Foto: Amelie Lasier

Die Stiftung EVZ 

Auftrag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) ist es, die Erinnerung an das Unrecht der nationalsozialistischen Verfolgung lebendig zu halten, die daraus erwachsende Verantwortung anzunehmen und die Zukunft aktiv zu gestalten. Zentrales Motiv der Stiftungsgründung war im Jahr 2000 die Auszahlung humanitärer Ausgleichsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter des NS-Regimes. Heute fördert die Stiftung Projekte und Aktivitäten, die den Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung, der Völkerverständigung und der Stärkung von Menschenrechten dienen.  

Mehr Infos: www.stiftung-evz.de

Die MEMO-Studie

Mit dem von der Stiftung EVZ geförderten „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ erforscht das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung Bielefeld (IKG) seit 2018, was Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wie und wozu historisch erinnern. Ein Fokus liegt dabei auf dem Erinnern an die Shoah und die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Menschen und Menschengruppen in der Zeit des Nationalsozialismus. Die erhobenen Daten sollen dazu beitragen, die Debatten zu versachlichen, und als Grundlage für eine zeitgemäße historisch-politische Bildung in Deutschland dienen. So kommt die aktuelle MEMO-Studie (IV, Jahr 2021) zu dem Schluss: „Differenziertes Wissen zur nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit kann dazu beitragen, Instrumentalisierung und Relativierung der Geschichte entgegenzutreten.“ Hintergrund: Mit Blick auf geschichtsrevisionistische Vorfälle bei den sogenannten „Corona-Demonstrationen“ erhoben die Bielefelder Forscher, wie die Umfrageteilnehmenden auf NS-Vergleiche reagieren. Das Ergebnis: Knapp 90 Prozent der Befragten lehnten es bei direkter Nachfrage ab, das Leiden der deutschen Bevölkerung während der Covid-19-Pandemie mit dem Leid von Menschen während der NS-Zeit gleichzusetzen. 

Mehr Infos: www.stiftung-evz.de/memo

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